Elimination der Masern in Europa: Zu früh gefreut?
Warum ist eine hohe Masern-Durchimpfungsrate so wichtig? Wir werfen einen Blick auf die Entwicklung der Masernfälle und Impfquoten in Europa. Können wir uns entspannt zurücklehnen? Informieren Sie sich hier, wie darauf reagiert werden sollte!
Die Impfungen von Kindern gegen Masern, Keuchhusten und andere Krankheiten blieben 2024 in der Europäischen Region der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unter dem Niveau von vor der Pandemie. Dadurch stieg die Zahl der Kinder, die anfällig für diese Krankheiten sind weiter und das Risiko von Ausbrüchen nahm zu.2
Die Durchimpfungsraten in der Europäischen Region für die 1. MMR-Impfdosis waren 2024 insgesamt rückläufig. Einige Länder meldeten eine Rate von nur 23 %. Die Durchimpfungsrate für die 2. MMR-Impfdosis sank zwischen 2019 und 2024 in Europa und Zentralasien von 92 % auf 91 %.2
Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hatte bereits 2023 vor Impflücken bei Masern in Europa und einer künftigen Zunahme der Erkrankung gewarnt.3 Warum können Impflücken problematisch sein?
Masern sind hochansteckend und eine Infektion führt zu einer langanhaltenden Schwächung des Immunsystems. Das erhöht das Risiko für virale oder bakterielle Infektionen. Als mögliche Spätkomplikation kann außerdem eine subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) auftreten, eine immer tödlich verlaufende Erkrankung des Gehirns.4
Hier können Sie Ihr Wissen vertiefen
Kombinationsimpfungen gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) bzw. gegen Masern, Mumps, Röteln und Varizellen (MMRV) stehen zur Verfügung.
Seit 2020 gilt das Masernschutzgesetz.4 Antworten auf 10 häufige Fragen zum Masernschutzgesetz haben wir hier für Sie zusammenstellt.
Eine Masern-Infektion ist keine harmlose Krankheit. Das Risiko schwerwiegender Komplikationen ist bei Kindern unter 5 Jahren und bei Erwachsenen über 20 Jahren am höchsten.5
Die Impfstoffe gegen Masern sind frühestens für Kinder ab dem vollendeten
9. Lebensmonat zugelassen. Zu diesem Zeitpunkt hat ihr natürlicher Immunschutz durch die mütterlichen Antikörper bereits nachgelassen. Aus diesem Grund sind jüngere Kinder darauf angewiesen, dass die Menschen in ihrer Umgebung geimpft sind und sie durch die Herdenimmunität vor einer Infektion geschützt werden. Gleiches gilt für diejenigen, die keine Masernschutzimpfung erhalten dürfen, wie z. B. in der Schwangerschaft.5
Auch Erwachsene sind laut ECDC nicht ausreichend geschützt: In mehreren EU-Ländern wie z. B. Italien, Spanien und Polen wurde die Mehrzahl der Fälle in der Altersgruppe ab 30 Jahren berichtet. Sie waren zu großen Teilen ungeimpft.1
Die Elimination der Masern ist erklärtes Ziel in Deutschland. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht von einer Elimination der Masern, wenn sie über mindestens 36 Monate nicht mehr in einer geographischen Region vorkommen oder nur noch importierte Einzelfälle auftreten.6
Dafür sollte bereits bis Ende 2018 eine Impfquote von 95 % für die 1. MMR-Impfung bei 15 Monate alten Kindern in 90 % aller Landkreise erreicht werden. Zum Zeitpunkt der Schuleingangsuntersuchungen sollten 95 % der Kinder eine 2. MMR-Impfung in 90 % aller Landkreise und Kommunen erhalten haben. Diese Ziele konnten bisher nicht erreicht werden.6
Seit Einführung der Meldepflicht im Jahr 20017 haben Impfungen gegen Masern in Deutschland bereits zu einem drastischen Rückgang der Erkrankung geführt6. Trotzdem kommt es in Deutschland immer noch zu Masernausbrüchen. Aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie ging in den Jahren 2020 bis 2022 die Zahl der Masernerkrankungen stark zurück. Seit dem Jahr 2023 nehmen die Masernausbrüche in Deutschland jedoch wieder zu. Die gemeldeten Fälle nähern sich den Fallzahlen der Jahre vor der Pandemie wieder an.7 Wie ist der europaweite Trend?
Europa: Masernfälle steigen um das Zehnfache
Im Jahr 2024 wurden in der EU insgesamt 35.212 Masernfälle gemeldet. Im Jahr zuvor waren es noch 3.973 Fälle gewesen. Die Masernaktivität hatte bereits 2023 wieder zugenommen, nachdem sie zwischen 2020 und 2022 während der COVID-19-Pandemie ungewöhnlich niedrig gewesen war. Mit 77,4 Fällen pro 1.000.000 Einwohnern lag die Gesamtmelderate im Jahr 2024 jedoch auch deutlich über dem Niveau von 2019 (27,2 Fälle). Ein Großteil aller Masernerkrankungen wurden aus Rumänien gemeldet (etwa 87 %).1
Alle Altersgruppen waren betroffen, jedoch am häufigsten Säuglinge unter 1 Jahr. 23 Todesfälle durch Masern sind für das Jahr 2024 bekannt, 14 davon wurden bei Kindern unter 5 Jahren beobachtet.1
Niedrige Durchimpfungsrate: Europa als Pulverfass?
In Europa gibt es Gebiete, in denen überhaupt nicht gegen Masern geimpft wird. Das stellt für Länder, die die hochansteckende Viruserkrankung ausgerottet haben, eine Gefahr dar3: Um Herdenimmunität zu erreichen und Ausbrüche zu vermeiden, ist jährlich eine Durchimpfungsrate von 95 % notwendig2.
Die geschätzten Impfquoten zeigen: In vielen Ländern liegt die routinemäßige Impfung von Kindern gegen Masern weiterhin unter dem empfohlenen Niveau. Der Schwellenwert von 95 % wurde 2024 nur von 4 EU-Ländern erreicht.1
Von den Masernfällen mit bekanntem Impfstatus im Jahr 2024 waren 87 % nicht geimpft. Unter den betroffenen Kindern im Alter zwischen 1 und 4 Jahren waren sogar 90 % nicht geimpft. Für Kinder dieser Altersgruppe ist in den EU-Ländern die 1. Dosis der Masernimpfung und in einigen Ländern auch die 2. Dosis vorgesehen.1
Fazit & Ausblick
Im Jahr 2024 verzeichnete die EU die höchste Zahl an Masernfällen seit zwei Jahrzehnten, die deutlich über dem Niveau vor der Pandemie lag. Dieser starke Anstieg unterstreicht die Gefährdungen der Bevölkerung, die durch eine suboptimale Durchimpfungsrate gegen Masern noch verschärft wird.1
Um die Übertragung zu unterbrechen und die Eliminierungsziele zu erreichen, sind eine verstärkte Beobachtung, eine schnelle Untersuchung von Ausbrüchen und Maßnahmen zur Bekämpfung wichtig. Es muss dringend gehandelt werden, um Impflücken durch gezielte Nachholimpfkampagnen zu schließen.1
Wie kann die Durchimpfungsrate erhöht und die Impfakzeptanz verbessert werden? Von entscheidender Bedeutung ist hierbei u. a. der Einsatz modernisierter digitalisierter Impfinformationssysteme, um nicht geimpften Personen zu erkennen und zu kontaktieren.1
Lesenswert
Nach wie vor sind eine verbesserte Aufklärung der Öffentlichkeit und eine bessere Akzeptanz von Impfungen entscheidend, um hohe Impfquoten zu erreichen und weitere Masernausbrüche zu vermeiden.1 Mit welchen Argumenten Sie versuchen können, die Bedenken von Patient:innen abzubauen: hier
Wie kann man das Prinzip der Herdenimmunität verständlich erklären? Wem der Gemeinschaftsschutz hilft und welche Rolle Impfungen dabei spielen, erfahren Sie in diesem Beitrag.
Quellen
- European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC). Measles Annual Epidemiological Report for 2024. Aktueller Stand: 28.04.2025. Online verfügbar unter: https://www.ecdc.europa.eu/en/publications-data/measles-annual-epidemiological-report-2024 [eingesehen am 22.01.2026].
- World Health Organization (WHO). Childhood vaccination rates lag in Europe – fueling further resurgence of measles and whooping cough. Aktueller Stand: 15.07.2025. Abrufbar unter: https://www.who.int/europe/news/item/15-07-2025-childhood-vaccination-rates-lag-in-europe—fueling-further-resurgence-of-measles-and-whooping-cough [eingesehen am 22.01.2026].
- Patzer KH. Impflücken bei Polio und Masern. MMW Fortschr Med. 2023;165(10):19. DOI: 10.1007/s15006-023-2674-9.
- Robert Koch-Institut (RKI). Kurz & knapp: Faktenblätter zum Impfen. Masern-Impfung. Aktueller Stand: April 2025. Abrufbar unter: https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Impfen/Informationsmaterialien/Faktenblaetter-zum-Impfen/Masern.html [eingesehen am 22.01.2026].
- Robert Koch-Institut (RKI). Antworten auf häufig gestellte Fragen zur Schutzimpfung gegen Masern. Aktueller Stand: 14.01.2026. Abrufbar unter: https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/MMR/FAQ_Uebersicht_MSG.html [eingesehen am 22.01.2026].
- Robert Koch-Institut (RKI). Elimination der Masern und Röteln in Deutschland. Aktueller Stand: 10.11.2025. Abrufbar unter: https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Impfen/Eliminationsprogramme/elimination-masern-roeteln-deutschland.html [eingesehen am 22.01.2026].
- Bundesministerium für Gesundheit (BMG). Masern. Aktueller Stand: 19.02.2025. Abrufbar unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/m/masern.html [eingesehen am 22.01.2025].
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